Loewe von Eisenheim

Denkmalschutz für einen Hühner-Stall

2012

   Dieter Meter über den Hühnerstall mit Anbau in der Werrastraße 4 d in der Siedlung Eisenheim. (Juni 2012)

   „Meine Großmutter hieß Elisabeth Herbig. Sie starb mit 98 Jahren im Jahr 1984/1986. Meine Mutter holte die damals blinde und pflegebedürftige Frau aus ihrer Wohnung in Mannheim 1976 hierher in die Siedlung.

   Meine Mutter Christine geborene Herbig war mit meinem Vater  Fritz Meter verheiratet. Er starb schon 1961. Dann zog meine Mutter 1962 hier mit mir und meinem Bruder Fritz in diese Wohnung in die Giebelwohnung der Werrastraße 4 ein. Ich war damals 6 Jahre alt.

   In der Wohnung wohnten vor uns zwei Geschwister,  das waren  ältere Damen. Wir zogen nach ihrem Verschwinden, nach ihrem Auszug, vielleicht in ein Altersheim,  direkt in die Wohnung.

   Die Wohnung hatte ähnlich wie alle weiteren Häuser hinter dem Wohnweg einen Stall. Unser Stall hatte einen weiteren angebauten Stall. Diesen zweiten  Hühnerstall gab es schon vorher. Er muß in den 1950er Jahren schon gestanden haben.“

   Dies zeigt, dass es eine umfangreiche Tierhaltung gab, für die in einem solchen besonderen Fall der erste Stall nicht genügte.

    In dieser Zeit, in den 1950er Jahren, waren  Anbauten und Lauben nur möglich, wenn sie von der Zeche genehmigt waren.  Damals war das die Ruhrkohle AG. Den Stall hätte man nicht ohne Genehmigung ihrer Wohnungsabteilung bauen dürfen.

   Die Kette des Gebrauchs wechselte. Eine Familie besaß in dem zweiten Stall Hühner, „dann hatten die Vorgängerinnen keine Hühner mehr. Wahrscheinlich fühlten sie sich zu alt dafür.“

   Dann setzt der Gebrauch des Stalles wieder ein.

   „Meine Mutter hat dann wieder mit Hühnern angefangen. Und mit Kaninchen. Wir hatten immer 12 Hühner, sechs braune und sechs weiße.“

   „Hinzu kamen 12 Kaninchen. Das waren  ganz große, man sagte dazu Riesenschecken,  sie wogen so um die sechs bis sieben Kilo. Wir haben sie als Kinder gefüttert, das war schön, wir suchten Löwenzahn, schnitten Gras. Die Hühner kannten uns.

   Später wurden die Tiere gegessen, dafür waren sie da. Aber ich wollte beim Schlachten nicht zuschauen. Entweder machte das der Nachbar Harsche, der seine Schwei ne schlachtete, oder ein Bekannter.“

   „Wir hielten Tiere bis zur ersten Sanierung, nach der Rettung von Eisenheim, um 1980. Dann durfte auf Verlangen der Wohnungs-Verwaltung keiner in der Siedlung mehr Hühner halten, weil es hieß, dass sie Ratten anziehen. Auf der Wesselkampstraße gab es auch einen Mann, der seine Hühner abschaffen musste.“

„Wir waren die Letzten, die Hühner hielten.“

„Nachher hatte ich im Hühnerstall meine Werkstatt.“

„Dann kam der Löwe. Dafür räumte ich meine Werkstatt aus und tat sie in einen Anbau hinter dem Stall.“

Wofür steht der Stall ?

Er gehört zum Ensemble der denkmalgeschützten Siedlung Eisenheim.

Sie war auf dem Kontinent die erste Siedlung, die unter Denkmalschutz gestellt wurde: 1972 vom damaligen Landeskonservator Dr. Günther Borchers.

Die Siedlung zeigt eine historische Struktur, die vor allem für das Ruhrgebiet wichtig war: Den Übergang von der agro-pastoralen Kultur in die Industrie-Gesellschaft. Die von weither aus bäuerlichen Gebieten angeworbenen Hüttenmeister und Bergleute erhielten ihre jahrtausende alte agrarische Lebensweise hier in Verkleinerung: Ein Stück Land zum Anbau von Lebensmitteln und Ställe für Tiere. Es war durchaus üblich, seine landwirtschaftliche Tätigkeit zu vergrößern: durch Zupacht von Land, hier nebenan im Vonderbruch. Und ebenso üblich war es, sich selbst zusätzlichen Raum für diese Tätigkeiten  anzulegen.

Für das letztgenannt ist dieser Stall das einzige erhalten gebliebene Dokument. Auch dies macht seinen Denkmalwert aus und verdient daher Erhaltung und Schutz.

Der Aspekt der Landwirtschaft am Übergang in die Industrie-Gesellschaft gehört wesentlich zur Struktur der Siedlung.

Die Geschichte. Auch sie gehört zur Eisenheimer Geschichte. Der Mieter der Wohnung, zu der der Stall gehört, Dieter Meter, streifte häufig über Schrottplätze. Einmal sah er ein altes Auto, in dem ein junger kleiner Löwe gehalten wurde. Darin war es im Sommer heißer als in der Wüste. Weil Dieter Meter ein gutes Herz hatte, dauerte ihn das Tier.

Er redete mit dem Schrott-Händler und es gelang ihm, den kleinen Löwen für damals 100 Mark zu kaufen.

Dann nahm er das kleine Tier auf den Arm und setzte es in den früheren Hühnerstall am Wohnweg hinter seinem Haus. Dort verpflegte er es mehrere Monate lang.

Dies gefiel auch der  Bürgerinitiative, die Eisenheim rettete: Ein Löwe in der Siedlung war für eine Presse, die von einer Mischung aus Nachricht und Spektakel lebt, attraktiv.

Der kleine Löwe wuchs und gedeihte, wurde größer und probierte auch mal, seinem Wohltüter in Richtung Kehle zu gehen – so als Übung für das, was dieses Genre an Tier Jahrtausende zu tun pflegte. Noch war es ein putziges Tierchen, an dem alle ihren Spaß hatten.

Eines Tages schrieb eine Zeitung, die ich man besser nicht anfaßt, die Geschichte – und mit großen Buchstaben als Schlagzeile  „Der Löwe  von Eisenheim“. Das war wohl das einzige, was die Wohnungsverwalter lasen. Sie  Die fuhren mit Blaulich nach Eisenheim und beschlagnahmte den Löwen. Dann brachten sie ihn in ein Wildtier-Gehege.

Das war voraus zu sehen und niemand wehrte sich, denn der Löwe wollte ja nicht klein und putzi bleiben.

Die Geschichte ist jedenfalls sehr schön – und die Kunstgeschichte, die auch für die Denkmalpflege zuständig ist, könnte sie begreifen. Denn es gab es in Jahrtausenden Löwen: hinter Gittern lebendig in den Höfen von repräsentativen  Bauten zum Beispiel im Rathaus von Florenz und in manchen Schlössern, als Plastiken an Eingangs-Portalen, in einer Unzahl von Wappen und auf vielen Fahnen. Diese Geschichte dürfte ziemlich einzigartig sein. Sie hat vor allem für die durchaus geachtete Kulturanthropologie eine Bedeutung.

Auch aus diesem Grund verdient der Stall Denkmalschutz.

Schreiben

Sehr geehrte Damen und Herren der Unteren Denkmalbehörde Oberhausen,

Sie kennen die Farce des Löwen-Stalles in Eisenheim.

Erstens gibt es da einen „bösen Nachbarn“, der seit Jahren seine Nachbarn mobbt und das seltsame Glück hat, dass ihm immer noch jemand glaubt. Seine Denunziation ist auf Lügen aufgebaut. Ihn als Nachbarn tangiert der kleine Bau überhaupt nicht. Seine Behauptung, Kinder wären hinein gegangen, ist eine unglaubwürdige Lügenstereotype . Nach anderen Aussagen war nie ein Kind darin. Der Besitzer hatte den Zugang immer mit einem Schloß gesichert. Einen anderen Zugang, etwa durch das Gitter, gibt es nicht. Es kann also keine Gefahr gewesen sein.

Zweitens schreibt er ans Bauamt und dann muß man Zweifel haben, ob das Bauamt über Denkmäler befindet oder die Denkmal-Behörde. Das hätte ich gern geklärt.

Drittens  könnte der Fall mit dem Augenschein simpel mit zwei Zeilen geklärt werden: Da in der Denkmal-Behörde drei Architekten tätig sind, müssten sie doch wohl  ohne Aufwand beurteilen können, ob ein so simples Gebäude wie der Stall einfallen kann oder nicht.

Viertens erscheint es mir absurd, dafür ein statisches Gutachten einzuholen. Dies müsste bei einem so simplen Gebäude jeder Architekt beurteilen können.

Fünftens muß ich mich wundern, dass der Vorgang nun schon ein halbes Jahr dauert. Wie lange noch ?

Sechstens erstaunt mich, dass dafür eine potthässliche und dem Baudenkmal Eisenheim völlig unadäquate Absperrung gemacht ist, die ich nur als ein ironisches künstlerisches Ereignis ansehen kann. Denn funktional taugt sie nichts: Wer sich nähert, über dem könnte der Stall theoretisch zusammen fallen. Ich möchte meinen Einwand aber nichs als Aufforderung verstehen, die Sache mit noch mehr Aufwand noch absurder zu machen.

Siebtens: Die Tourismus-Saison hat begonnen. Soll ich nun neben der Geschichte vom Löwen eine die Geschichte vom Denkmalschutz mit der vorliegenden  Absurdität zeigen ? Wir haben im Jahr in Eisenheim rund 20 000 Besucher. Und wir stehen auf der Kandidaten-Liste für die Erweiterung des Weltkulturerbes.

Achtens: Ich aber habe keinerlei Lust, dem Treiben des „bösen Nachbarn“, das bereits zur Stillegung des Volkshauses, mehreren Abrissen hinter den Ställen und einigem mehr geführt hat, einen Triumph zu gönnen.

Neuntens: Dieser böse Nachbar vergeht sich gegen etliche Regeln der Gartensatzung – und keine Wohnungsverwaltung  und kein Denkmalamt hat ihm Stopp gesagt, ihn  verwarnt  und dafür eine Buße gegeben.

Das passt doch alles nicht, außer man hat Lust auf Satire.

Ich bestehe darauf, dass dieser Stall zum Baudenkmal Eisenheim gehört.

Er stammt aus den frühen 1950er Jahren.

Er wurde von einem damaligen Bewohner  angelegt.

Wie wir die Gepflogenheiten kennen, geschah dies mit Billigung der Wohnungsverwaltung.

Es ist das einzige erhaltene Objekt dieser Art.

Damit verbindet sich eine Geschichte, die ebenfalls zum Denkmal gehört. Denn zum Denkmal gehören auch Geschichten – vor allem, wenn sie ein anfaßbares Zeugnis haben.

Nochmal: Ich bestehe darauf, dass der Stall als Teil des Baudenkmals  Eisenheim erhalten wird.

Da nichts geschieht, werde ich den nächsten Tagen zusammen mit dem Besitzer Dieter Meter im Inneren eine Sicherungs-Konstruktion herstellen, die nach Bergbau-Erfahrungen aus hölzernen Stempeln besteht. Dann wird der Stall so verschlossen, dass – wie es lange Zeit geschah – auch weiterhin kein Mensch hinein kommt. Denn der Witz des Stalles besteht nicht darin, nach „modernen“ Maßstäben darin „sauberen“ benutzungsfähigen Raum zu haben, sondern dass das Denkmal als Denkmal zu erhalten ist.

Die Kosten dafür trage ich persönlich.

Dies folgt dem Prinzip des minimalen Aufwands in der Denkmalpflege.

Überaufwand von unkundigen Leuten (mein Gott, wie viel Unkundige gibt es!) schadet nur.

Wenn Sie möchten, können Sie zuschauen.

Kumpel-Idylle. Vor dem Volkshaus legte die Familie Meter einen Garten an: eine Mischung von Rhein-Tal mit Burg und Venedig mit Brücke über das Wasser eines Teiches.
An der Ecke des Stalls, lange Zeit der Käfig für die Hühner, hielt die Familie ein halbes Jahr lang, kaum zu glauben, ein fabulöses Tier: einen kleinen Löwen.
Als die Wohnungs-Verwaltung in der Zeitung die Story  las, ließ sie ihn mit Blaulicht abholen. Und ganz Oberhausen schmunzelte über den „Löwen von Eisenheim“.

Der Löwe von Eisenheim

Was in einer solchen Siedlung alles möglich ist!

Nachbar Dieter Meter, legte sich im Garten einen Teich an, schlug darüber eine venezianische Brücke und baute daneben ein kleines Schwarzwald-Haus.

Eines Tages entdeckte er bei einem Schrott-Händler einen kleinen Löwen. Der Mann hielt ihn in einem ausrangierten Auto. Darin war es bei Sonne heißer als in der Wüste.

Dieter Meter fühlte Mitleid mit dem armen Tier.

Er handelte mit dem Schrott-Händler – und für einen Hundert-Mark-Schein konnte er den kleinen Löwen aus seinem Gefängnis befreien, auf den Arm und mit nach Hause nehmen.

In Eisenheim setzte er das Tier in seinen alten ausgedienten Hühner-Stall.

Hier am Wohn-Weg wurde das fabulöse Wesen von vielen Menschen bewundert.

Es wuchs. Eines Tages stellte der Löwe sich auf und faßte mit den Pranken nach der Gurgel seines Wohltäters.

Die Story war ein Fressen für Presse-Leute.
„Der Löwe von Eisenheim.“

Loewe von Eisenheim
Der Löwe von Eisenheim

Nach einiger Zeit lasen die Wohnungsverwalter die Schlagzeile – und jagten mit Blaulicht nach Eisenheim, beschlagnahmten den Löwen und brachten ihn irgendwo in ein Freigehege in Holland.

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